Autor: ronny61

Blackout

Wohl die wenigsten Leute denken aktuell bei diesem Begriff an Marc Elsbergs wirklich sehr empfehlenswerten Roman „BLACKOUT – Morgen ist es zu spät“, sondern vermutlich eher an die Gefahr eines tage- oder womöglich gar wochenlangen Stromausfalls. Nun ist für uns Diabetiker die Zeit, als wir Blutzuckerteststreifen anhand einer Farbskala auf der Teststreifenröhre auf ihren Wert bestimmen konnten, schon seit vielen Jahren vorbei. Für die, die sich noch erinnern können oder wieder erinnern möchten, sie hießen Haemo-Glukotest 20-800. Im Jahr 2004 wurde die Produktion eingestellt. Nachfolger war der Betacheck, der seit Einstellung des Insuliners im Jahr 2018 auch nicht mehr erhältlich ist. Die aktuell von uns angewandte Technik wie z.B. mein FreeStyleLibre (FSL) Lesegerät ist zwingend auf Strom angewiesen, entweder per Batterie oder per Akku, welcher wiederum aus der Steckdose aufgeladen werden muss. Als Ausweg bei einem längeren Stromausfall kann ein solar betriebenes Ladegerät dienen. Ich selbst habe mir nach einem Hinweis meiner Schwester bei der Firma Pearl die „Wetter- & stoßfeste Solar-Powerbank PB-80.s mit 8000mAh, IP65“ bestellt und ausprobiert. Der aktuelle (03.12.22) Preis beträgt 25,99€ zzgl. Porto. Zunächst muss man diese Solar-Powerbank zwei Tage in die Helligkeit legen, wobei nicht zwingend Sonne scheinen maß, diffuses Tageslicht wie aktuell im Dezember reicht auch. Der in der Solar-Powerbank enthaltene Akku lädt sich dadurch auf. Anschließend kann das FSL Lesegerät mittels USB-Kabel an die Solar-Powerbank angeschlossen und wieder aufgeladen werden.

Die Solar-Powerbank zeigt mittels dreier Dioden an, wie voll sie ist, vergleichbar einem Pedelec, nur sind es hier fünf Dioden, die anzeigen, wie voll der Akku ist. Nachdem das Lesegerät des FSL wieder aufgeladen war, leuchteten nach wie vor alle drei Dioden, der Strombedarf zum Laden des FSL Lesegeräts war also eher gering. Allerdings war der Akku des FSL Lesegerät auch noch zur Hälfte gefüllt. Wer sich also angesichts der momentanen Zeiten beim Gedanken an einen Blackout unwohl fühlt, dem kann ich dieses Gerät aus eigener Erfahrung heraus empfehlen.

Schöne Grüße aus Soest und bleibt gesund
Frank

warpgondel(at)web.de

Insulin – Sportanpassung / kleine Ergänzung eines Nicht-Teilnehmers

Die Empfehlung für das Medtronic-CGM (Insulinpumpe 780G) ist ähnlich: 2 Stunden vor dem Sport bis 2 Stunden danach den Zielwert auf 150mg/dl einstellen.

Wenn der Zuckerspiegel (z.B. bei einer langen E-Bike- oder Bio-Bike-Tour) dennoch weiter fällt, wird es schwierig:

– Isst man 1-2 Sport-BE (zB Traubenzucker oder einen Müsliriegel) ohne zusätzliche Eingabe=Insulingabe, wird der Algorithmus meist durch den schwankenden Blutzucker so gestört, dass er die automatische Steuerung UND die Anzeige des BZ-Wertes zuerst für ein paar Stunden zur Neuberechnung abschaltet. Im Wiederholungsfall erklärt er den Sensor dann für defekt. Für den Anwender wäre es besser, wenn die BZ-Werte weiterhin angezeigt würden, z.B. mit einer zusätzlichen Warnmeldung. Tatsächlich lässt einen das aufwendige System aber im Stich. Die sog. KI=Künstliche Intelligenz erscheint, wenn sie sich abschaltet, mal wieder als KD= Künstliche Dummheit.

– Der Medtronic-Support empfiehlt dann, die automatische Steuerung der Insulinabgabe (SmartGuard) während der Gabe der Zusatz-BE abzuschalten. Das wäre aber nervig, weil der SmartGuard beim Wiedereinschalten meist wieder einen blutig gemessenen BZ-Wert verlangt. Und ob das kurze Abschalten hilft, erscheint fraglich.

– Bei mir hat es häufig geholfen, die Pumpe ein wenig zu belügen. Z.B. 2 BE Traubenzucker zu essen und nur 0,25 BE anzugeben. In krassen Fällen hilft – auf Empfehlung des Supports – das Abschalten der SmartGuard/Loop-Funktion für den geanzen Tag. Dann hat man zumindest eine Anzeige von BZ-Werten und kann die Basalrate selbständig anpassen. Man beaucht es z.B. für Reiseveranstalter, die kleine anstrengende Sportetappen (die den Zuckerspiegel drücken) ständig mit Snackpausen (die den Zuckerspiegel hochgehen lassen) mischen.

Ziel des Systems erscheint damit vor allem zu vermeiden, dass jemand behaupten kann, das Medtronic-System habe ungewollt zu viel Insulin gegeben. Dass es den Anwender dann, auch wenn er auf Radtour oder auf der Autobahn am Steuer sitzt, aus Vorsitsgründen plötzlich stundenlang im Stich lässt, scheint der KI/KD weniger wichtig.

Karl

Lieferschwierigkeiten (auch) bei HUMALOG

Neben den hier beschriebenen Lieferproblemen bei NOVORAPID gibt es seit einiger Zeit immer wieder Berichte zu Lieferschwierigkeiten bei HUMALOG. Besonders betroffen scheinen die Durchstichflaschen zu 10ml zu sein, Patronen für den Pen eher weniger. Der Grund für die Probleme ist unklar. Es gibt aber für
Humalog ein Ersatzpräparat nämlich INSULIN LISPRO Sanofi, das man sich stattdessen verordnen lassen kann.

Ronny

Lieferschwierigkeiten von NOVORAPID

Liebe Leserinnen und Leser,
wer sich Insulin aus der Apotheke holen muss, erlebt heute bei NOVORAPID (wie bei anderen Insulinen und vielen anderen Medikamenten) sein blaues Wunder und hört plötzlich „Derzeit nicht lieferbar“ und „Lieferung an den Großhandel vielleicht in 14 Tagen“ – Wie lange der Großhandel braucht, um es einzubuchen und weiterzuliefern, wissen wir nicht.“
Das Versagen der Lieferkette auch bei diesem lebenswichtigen Medikament hatte ich bisher schon für theoretisch möglich, aber eher unwahrscheinlich gehalten. Aber das Politikerversagen beim Risikomanagement auch in diesem Bereich ist doch Realität.
Kürzlich hatte ich den Widerspruch der Politik, die einen auffordert, bei weniger dringlichen Dingen wie Speisen Vorsorge zu betreiben und gleichzeitig über die Budgetierung Ärzte bedrängt, nur das zeitnah nötige zu verschreiben, gerügt. Als Antwort kam vom Amt natürlich nicht „Wie beseitigen unsere Widersprüche (Dann müsste man ja widersprüchliche Regeln zugeben). Sondern:
  1.  Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt und weisen Sie darauf hin, dass Sie sich einen Vorrat anlegen
    möchten, wie vom BBK empfohlen: www.bbk.bund.de/ratgeber.
  2. Kommen Sie bei Ihrem Hausarzt nicht weiter, können Sie sich an Ihre Krankenkasse wenden und
    dort das Problem mit der Bitte um Beratung schildern.
  3. Einen Anspruch auf einen Medikamentenvorrat hat man unseres Wissens nach nicht. Führen beide Wege nicht zum Erfolg, steht es Ihnen frei, den Medikamentenvorrat selbst zu beschaffen und zu bezahlen. Dazu benötigen Sie ein Privatrezept Ihres Hausarztes, falls das Medikament ein
    verschreibungspflichtiges Medikament ist.
Ein Blick ins Internet zeigt, dass das Insulin-Problem offensichtlich kein Einzelfall ist. Deshalb liest man von Apothekerseite „www.apotheke-adhoc.de“ die nachstehende Beschreibung : Wie in DDR-Zeiten: Defekte ohne Ende.
Uns Patienten kann man da nur drängen, bei allen nicht ganz unwichtigen Medikamenten die Ärzte und Krankenkassen (?) zur Verschreibung eines Vorrats aufzufordern.
Und vielleicht müssen wir uns in Notfällen auch gegenseitig mit Leihgaben aushelfen.
Aber was sagen die Bürokraten oben ? „Einen Anspruch auf Risikovorsorge haben Sie nicht.“
Gruß Karl Friederichs

Insulinertreffen 2022 – Insulin Lyumjev

Insulin Lyumjev

Die Firma Lilly, von der das Lispro (Handelsname Humalog) entwickelt wurde, hat dieses weiterentwickelt und unter dem Namen Lyumjev im September auf den Markt gebracht. Ähnlich dem Fiasp verspricht der Hersteller eine deutlich schnellere als auch eine deutlich kürzere Wirkung. Erreicht werden soll dies, indem dem bekannten Humalog die Zusatzstoffe Citrat und Trepostinil zugesetzt werden.

In der Arbeitsgruppe waren 15 Leute, von denen vier das Lyumjev im Einsatz hatten, davon drei in der Pumpe, obwohl dafür noch keine Freigabe existiert, und einer mittels Pen. Drei der vier konnten bestätigen, daß es deutlich schneller wirkt als Humalog, eine Person hat keinen Unterschied feststellen können. Keiner der vier konnte bestätigen, daß es auch deutlich kürzer wirkt. Fazit der Gruppe war, dass es auch schon wie beim Fiasp mit ähnlichen Versprechungen jeder selbst ausprobieren muss, wie es bei ihm wirkt.

Frank

Probleme mit FSL 3 und/oder dessen Lesegerät

Hallo zusammen,

hat schon jemand den FSL 3 mit dazu gehörendem Lesegerät im Einsatz?

Ich habe mittlerweile 4 Sensoren in 4 Tagen gesetzt und alle mit dem Lesegerät aktiviert, mein Smartphone ist nicht kompatibel. Alle hatten sofort nach Ablauf der 60 min Wartezeit Signalverlust, und sie haben auch innerhalb von 24h nicht wieder zueinander gefunden, was sie ja eigentlich sollten. Abbott meint, es wären die Sensoren, durch die Blume hat man mir aber auch zu verstehen gegeben, ich wäre zu blöd, um das richtig zu machen. Ich glaube ja eher, dass ich ein defektes Lesegerät habe, da will Abbott aber nichts von wissen.

Wie läuft denn das bei euch bisher? Gibt es ähnliche Probleme, oder funktioniert alles reibungslos? Für hilfreiche Tipps wäre ich sehr dankbar, ich bin hier gerade etwas am Verzweifeln.

Frank
warpgondel(at)web.de

Genauigkeit von Blutzuckermessgeräten? mit Antwort!

Im Laufe eines Diabetikerlebens sammeln sich viele BZ-Messgeräte an. Insbesondere, wenn der Lieferant bei Pumpenwechsel wechselt oder der Pumpenlieferant seinen Messgerätelieferanten ausgewechselt hat. Und die Technik macht manchmal Fortschritte (Aufladung durch USB) und manchmal geht’s zurück zu Knopfzellen. Da fragt sich der Laie: Kann ich alte Geräte als Reservegeräte vorhalten, damit ich auch an einem vergesslichen Tag im Koffer, im Auto, im Motorrad, bei Freund/Freundin ein Ersatzgerät finde und nicht noch einmal teuer in der Apotheke nachkaufen muss ? Oder sind die alten Messgeräte technisch überholt und ich ich muss mir ein neues Ersatzgerät mit neuester Technik zusätzlich kaufen ?

Karl
Karl.Friederichs(at)web.de

1. Viel schneller als erwartet kam die Antwort auf meine Frage von meinem Zubehör-Händler (DIASHOP GmbH):

Die von Ihnen genannten Blutzuckermessgeräte entsprechen alle der aktuell geltenden ISO Norm 15197:2015. Hier sind die Anforderungen an Genauigkeit der Messung definiert:

„Die Akzeptanzkriterien der ISO Norm 15197:2013 schreiben vor, dass 95 % der gemessenen Glukosewerte der Vergleichsmessungen zwischen der Referenzmethode und dem Messgerät bei Glukosekonzentrationen < 100 mg/dL eine maximale Abweichung von ± 15 mg/dL und bei Glukosekonzentrationen ≥ 100 mg/dL eine maximale Abweichung von ± 15 % haben dürfen.“
Ob es hier Unterschiede zwischen den verschiedenen Messgeräten gibt, können wir nicht bewerten. Wir empfehlen alle Messgeräte die dieser Norm entsprechend, gleichwertig.
2. Anlässlich einer Schulung bestätigte zudem ein Medtronic-Mitarbeiter, dass man keine Informationen über unterschiedliche Qualitäten der alten Messgeräte (z.B. des wegen der USB-Aufladung statt Knopfzellen so praktischen Ex-BAYER-Modells  „Contur-Next“ gegenüber den aktuell mit der Pumpe gelieferten „Akku Check Guide“ habe.  Der Wechsel beruhe allein darauf, dass „Akku Check Guide“ Daten via Bluetooth übertrage, was sich ja als zuverlässiger als das alte System herausgestellt habe und deshalb auch von der 780er Pumpe verwendet wird.
Damit spricht nichts dagegen, insbesondere das „Contur-Next“- Gerät z.B. als Zweitgerät bereit zu halten bzw. mitzuführen und die Messwerte dann manuell in die Pumpe einzugeben.
 
Karl
Karl.Friederichs(at)web.de

Was bedeutet Zucker für Ihr Leben?

Vor vielen Jahren gab es ein Plakat an jeder Bushaltestelle:

Was bedeutet Zucker für Ihr Leben?“

Ich lächelte immer in mich hinein. Was für eine Frage! Dummerweise oder glücklicherweise fehlte mir immer die Zeit, darüber länger nachzudenken.

Seit diesem Frühjahr bin auch ich nun im Club der 50er – also 50 Jahre Diabetes. Ein würdiger Anlass, mich nun doch mal mit dem Thema zu befassen.

Die Ärzte in meiner Kindheit sagten immer zu meinen Eltern: „Die wird keine 30.“ Aber offenbar haben die rücksichtsvollen Erwachsenen gelogen. Ich sehe mit 53 eigentlich noch ganz prall aus.

Meine erste Erinnerung an den Diabetes ist ein Rosenmontagsumzug im Fernsehen, den ich ziemlich krank ansehen durfte, obwohl Fernsehen tagsüber für uns Kinder immer verboten war. Und dann musste ich sehr oft zu unserem alten Hausarzt Alfons, von dem ich nur noch weiß, dass er Augenbrauen wie Theo Waigel hatte und bis zum Schluss abgestritten hat, dass Kinder an Diabetes erkranken können.

Als ich dann erstaunlicherweise doch Diabetes hatte, kam ich sofort ins Kinderkrankenhaus nach Lüneburg. Und auch da war man der Meinung, Kinder haben so etwas nicht. Immerhin wurde mir Insulin gespritzt, allerdings war man sich uneins, was ich essen darf. Und so bekam ich nur Quark, Tomaten, Haferschleim und Wasser. Meine Mutter, die mich einmal wöchentlich besuchen durfte, gab mir heimlich Würstchen zu essen, da ich mittlerweile so abgemagert war, dass ich nicht mehr laufen konnte. Das ging fast ein Jahr so, bis eine Mitpatientin von einer nur 30 km entfernten Diabetes-Klinik in Bad Bevensen berichtete. (Dies ist zur heutigen Zeit, in der man Zugang zu allen möglichen und unmöglichen Informationen hat, nahezu undenkbar.)

In Bevensen (1973 ein Dorf und die Klinik noch ohne eigenes Bad im Zimmer) blieb ich 6 Wochen zum Aufpäppeln. Hätte man damals in der Klinik geahnt, welche Frau mal dabei herauskommt, wäre ich wohl weniger aufgepäppelt worden.

Danach fuhr ich mehrere Jahre lang in den Osterferien und den Herbstferien zur Einstellung. Meine Großmütter begleiteten mich abwechselnd. Mit 14 fuhr ich dann erstmalig alleine in die Sommerferien. Da war Party mit Gleichgesinnten angesagt, immer kurz vorm Rausfliegen.

Ich lernte Süßigkeiten zu essen, was von den Ärzten ja konsequent nach dem Motto „Was nicht sein darf, gibt es nicht“ totgeschwiegen wurde. Ich lernte, dass Dosenbier nur im äußersten Notfall etwas mit Genuss zu tun hat. Ich lernte zu rauchen.
Ich lernte das ein oder andere von und über Jungs …

Mit 17 wurde der Spaß durch die Einführung des HbA1c-Wertes etwas getrübt. Wir waren alle zweistellig und manche mit einer Zwei an erster Stelle. Wenn mir heute besorgte Eltern berichten, ihr jugendliches Kind hat einen HbA1c von 8, muss ich mich zusammenreißen, um nicht zu gratulieren.

Der ganze Spaß war aber nur eine Sache, die andere waren die gesundheitlichen Probleme. Mit dem verspäteten Eintritt in die Pubertät hörte ich auf zu wachsen – wie Oskarchen aus der Blechtrommel. Erst das Rinderinsulin und dann das Schweineinsulin machten eine gute Einstellung für mich unmöglich. Wenn ich als Jugendliche von der Schule kam, hatte ich immer einen BZ von 300-500 mg/dl. Und damit habe ich dann auch noch täglich Sport gemacht. Mir ging es sehr schlecht und ich scheiterte schließlich auf dem Weg zum Abitur. Nun ja, meine eklatante Schwäche in Mathe und Physik waren auch ein Grund.

Und mit allem war ich in jungen Jahren alleine. Es gab in meiner Nähe keine weiteren Typ-I Diabetiker. Zudem war meine Mutter niemals in der Lage, mit meinem Diabetes klar zu kommen. Sie hat es 84 Jahre lang geschafft, alles Unangenehme zu ignorieren. Und wenn das nicht mehr ging, wurde gejammert. Ich habe mich mit fünf Jahren selber gespritzt . Und zwar noch mit einer Glaskolbenspritze, die ausgekocht wurde. Waren die dicken Nadeln verbogen, hat mein Vater sie mit einer Zange wieder gerade gemacht. Ich hüte den Metallzylinder heute noch wie einen Schatz – wie der Gollum den Ring. Und jetzt muss die Pennadel nach jedem Gebrauch entsorgt werden! Mit sechs Jahren habe ich selber auf meine BE usw. geachtet. Ich war bestimmt nie super konsequent, aber die Diskussionen mit meiner Mutter, die immer meinte, ein Eis oder ein Stück Kuchen schaden doch nicht, waren an der Tagesordnung. Ich habe mittlerweile meinen Frieden mit ihr gemacht.

In der Grundschule wurde ich einmal zum Kindergeburtstag eingeladen. Die Mutter des Freundes meinte es gut und backte Kuchen mit Sionon. Nach zwei Stunden war der Spaß vorbei und alle Kinder mussten aufgrund von Durchfall von den Eltern abgeholt werden. Ich habe übrigens noch mein erstes Koch- und Backbuch für Diabetiker. Alle abgebildeten Menschen sind vermutlich tot!

Erst während meiner schulischen Ausbildung zur Pharmazeutisch-technischen Assistentin (PTA) traf ich eine weitere Diabetikerin in meiner Nähe. Sie berichtete mir von einer Diabetesklinik in Mölln. Dort wurde ich nach 20 Jahren mit unglaublichen Blutzuckerwerten intensiviert eingestellt und zum ersten Mal in meine Therapie mit einbezogen. Heute unvorstellbar! Das erste Altinsulin bekam ich von einem Notarzt anlässlich einer schweren Infektion und einer damit verbundenen Blutzuckerentgleisung mit 19 Jahren verordnet. Ungefähr zur gleichen Zeit bekam ich mein erstes Blutzuckermessgerät.

Aber es ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Hätte man bis zur intensivierten Einstellung mit Humaninsulin mein Foto für jeden Spendenaufruf in einer Samstagsabendshow verwenden können, ging es danach mit meinem Gewicht steil bergauf. In einem Jahr nahm ich 25 Kilo zu. Das ein oder andere Kilo kam dann in den nächsten Jahren noch hinzu. Den Preis muss ich zahlen.

Mit Mitte 20 bekam ich den Diabetes besser in den Griff. Ich reiste viel in der Welt herum und kam immer gut mit Zeitumstellungen, Klima und anderem Essen klar. Ein besonderer Nervenkitzel war das Mitführen von Spritzen in Indonesien .

Mit Ende 20 bekam ich Probleme mit den Augen und musste gelasert werden. Es folgte eine schwierige Zeit. Auf einmal waren sie da, die Spätschäden. Zeit zum Nachdenken!

Ich traf zwei wichtige Entscheidungen. Die Insulinpumpe musste her, um aus den Blutzuckerschwankungen heraus zu kommen. Und nach 14 Jahren habe ich mich von meinem Partner getrennt. Er kam als Mensch nicht mit meinen wachsenden Problemen klar. Ich musste Ballast abwerfen und mich um mich selber kümmern.

Ich bekam im Bethanien-Krankenhaus in Hamburg die Insulinpumpe, wurde bis zum „Gehtnichtmehr“ gelasert und hatte schließlich eine Glaskörperentfernung. Mit der Insulinpumpe wurde alles besser, wenn doch nur das Leben mal Ruhe gegeben hätte, denn es folgte eine 10jährige Ehe mit einem Mann, der an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung litt.

Fallen – Aufstehen – Krönchen richten und weitermachen!

In den letzten Jahren hatte ich dann mit Männern so viel Glück wie mit Krankheiten. Es gab immer wieder kuriose Begegnungen. Stoff für mehrere Bücher …! Mittlerweile haben viele Männer auch Diabetes-Typ 2, wir werden älter! Mein letzter Lebensgefährte starb plötzlich vor 2 Jahren.

Meine ganze Kindheit und Jugend hindurch bekam man Informationen über die typischen Spätschäden, später Folgeerkrankungen genannt. Was aber keinen Unterschied macht.

Die Klassiker Nephropathie und Polyneuropathie haben mich verschont, die Augen sind stabil. Aber auf das komplexe Andere wurde man nicht vorbereitet. Es kamen und kommen andere Krankheiten dazu und man braucht immer mehr Zeit, alles miteinander zu vereinbaren. Ich hatte alleine mehrere Male einen Krebsverdacht. Wenn keiner weiter weiß, muss es doch Krebs sein! Und das normale Leben hört ja auch nicht einfach auf. Alles hat einen Einfluss.

Aber die Kraft, nach jedem neuen Schlag wieder aufzustehen und das Krönchen zu richten, wird weniger. Ich habe trotz der gesundheitlichen Probleme immer viel und engagiert gearbeitet, aber im Oktober 2020 habe ich Teilerwerbsminderungsrente beantragt. Es war das erste Mal, dass ich um Hilfe bitten musste. Sie wird mir verwehrt. Ablehnung! Widerspruch! Dann die Aufforderung, den Widerspruch zurückzunehmen und erneut einzureichen, wenn es mir schlechter geht. Es ist ein langer Kampf, in dem ich beweisen muss, dass die Kräfte nachlassen und es logistisch unmöglich ist, regelmäßig 13 Fachärzte neben der vollen Berufstätigkeit zu besuchen.

Ich habe aufgrund meines Diabetes auf Kinder verzichtet, doch nun trifft mich auch durch die Pandemie manchmal die Einsamkeit. Umso wichtiger ist es, mit langjährigen diabetischen Wegbegleitern im Austausch zu bleiben. Im Gegensatz zu meinen Anfangsjahren habe ich jetzt viele, für mich immer wichtiger werdende Kontakte. Und ich habe in meinen beiden Selbsthilfegruppen Lüneburg und Schwarzenbek gute Freunde gefunden. Als Tanja mich vor einigen Jahren das erste Mal zum Insulinertreffen mitnahm, dachte ich am ersten Abend in Nordwalde, dass alle Anwesenden irgendwie einen Knall haben „Wippen im Wald“ als Workshop anzubieten …

Spätestens nach dem „Wippen im Wald“ wusste ich, dass meine Vermutung richtig war und ich perfekt dazu passte. Ich habe großartige Menschen kennengelernt. Alle sind einzigartig und haben ihren Weg mit dem Typ1-Diabetes auf ihre ganz eigene Art gemeistert. Es gab und gibt weiterhin viele tolle Gespräche und Diskussionen. Und was mindestens genauso wichtig ist: Ich habe mit euch gelacht, getanzt, getrunken und sogar gesungen.

Mit großer Begeisterung las ich die Bücher von Grit Ott und das Buch von Doris Janssen. So viel Mut und Energie wie Grit auf ihren Pilgerwegen werde ich leider nie aufbringen. Ich werde vermutlich auch nicht mehr segeln wie Doris, aber bei „Der alte Mann und das Meer“ geht es ja auch nicht ums Angeln.

Die leider verstorbene Cornelia, damals 82 und seit 80 Jahren Diabetes gab mir praktische Tipps, mit Diabetes alt zu werden:

1. nie zu heiraten und die Socken eines anderen zu waschen

2. nie ohne Geliebten zu sein

3. nicht vorher zu sterben

Sie sagte nichts vom Diabetes!

Diese tollen Erfahrungen lassen mich weiter hoffen, noch so viel Zeit wie möglich mit euch verbringen zu können.

Petra

Petra.ich.meyn@gmx.de