Langzeitdiabetes

Ehrlich gesagt, wollte ich zuerst gar nicht in diese Gruppe gehen. Ich dachte, dort würde es hauptsächlich um Glasspritzen, brutale Lanzetten, ein Leben ohne Messgerät und kurzwirksames Insulin gehen. Also um all das, was wir von früher noch kennen und woran wir uns vielleicht nicht unbedingt gerne erinnern.

Aber es kam ganz anders.
Wir waren etwa 30-40 Personen, die zwischen 18 und 70 Jahren an Diabetes-Erfahrung mitbrachten. Wenn man all diese Jahre zusammenzählt, kommen über 1.500 Diabetesjahre zusammen! Die meisten in der Gruppe leben bereits mehr als 50 Jahre mit dieser Krankheit. Und ich gehöre auch dazu.

Was für eine Zahl! Was für Geschichten! Was für ein Leben!

Natürlich wurde auch über Alexander Zverev gesprochen. Ist es motivierend, wenn man liest, dass Diabetes kein Hindernis sein muss, um ein Hochleistungssportler zu werden? Oder kann einen das auch unter Druck setzen, weil man das Gefühl bekommt, trotz Diabetes immer besonders leistungsfähig sein zu müssen? Darüber gingen die Meinungen auseinander. Denn jeder von uns hat seine eigene Geschichte und seinen ganz persönlichen Umgang mit dem Diabetes.

Auch ernstere Themen kamen zur Sprache. Auf die Frage, ob jemand wegen seines Diabetes schon einmal psychologische Hilfe in Anspruch genommen hat, meldeten sich einige mit Ja. Das zeigte einmal mehr, dass Diabetes eben nicht nur den Körper betrifft, sondern manchmal auch die Seele ganz schön fordert.

Für unsere Seele wurden auch viele Tipps ausgetauscht, Erfahrungen geteilt und Lösungen gefunden, auf die man selbst vielleicht noch gar nicht gekommen war. Wir hörten von schönen Erlebnissen, besonderen Begegnungen und positiven Erfahrungen, die wir vielleicht ohne Diabetes niemals gemacht hätten. Es gab lustige Anekdoten, viel zum Schmunzeln und Geschichten, die das Leben geschrieben hat. Und tatsächlich sind durch den Diabetes sogar Ehen und Beziehungen entstanden.

Und das wichtigste überhaupt: Wir Insuliner haben uns kennengelernt!

Menschen, die nicht lange erklären müssen, wie es ist, mit Diabetes zu leben. Menschen, die verstehen, was einen beschäftigt, was einen manchmal nervt und worüber man trotzdem lachen kann. Menschen, bei denen man sich nicht rechtfertigen muss, sondern einfach sein darf, wie man ist.

Als ich abends gefragt wurde, wie die Gruppe denn gewesen sei, musste ich erst einmal überlegen, wie ich das alles in Worte fassen sollte.

Meine Antwort war ganz einfach: Wir haben geweint, aber noch viel mehr gelacht!

Es wurden sehr persönliche und emotionale Geschichten erzählt. Manche berührten uns tief, andere brachten uns zum Lachen. Es wurde zugehört, mitgefühlt, genickt und manchmal sicher auch gedacht: Ja, genau so habe ich das auch erlebt!

Und dann gab es diesen einen Satz, der mich besonders zum Schmunzeln gebracht hat:

„Die Menschen, die uns damals vor über 50 Jahren gesagt haben, dass wir nicht älter als 30 Jahre werden, sind mittlerweile wahrscheinlich schon tot.“

Mit einer gehörigen Portion Galgenhumor, aber auch mit einer Botschaft, die stärker kaum sein könnte.

Wir sind noch da!

Wir haben Jahrzehnte mit Diabetes gelebt, Höhen und Tiefen erlebt, Herausforderungen gemeistert und uns unser Leben nicht einfach nehmen lassen.

Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieses Treffens: Diabetes verbindet nicht nur über eine Diagnose. Er verbindet Menschen, die gemeinsam lachen, weinen, voneinander lernen und sich gegenseitig Mut machen.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich doch in diese Gruppe gegangen bin.

Über 1.500 Jahre Diabetes-Erfahrung – und noch lange nicht genug Leben, Lachen und Geschichten!

Theresia